Cannabis essen, darauf sollte man achten!

von Simon Schmucker, Medizinstudent der Medizinische Universität Wien, 02.06.2020

Neben dem Rauchen und Vaporisieren, kann Cannabis auch gegessen werden. Die Ausgangslage ist hier zumeist ein Öl, das für medizinische CBD-Öle oder auch für sog. „Edibles“  also essbare Cannabisprodukte, verwendet wird. Vor allem in therapeutischer Hinsicht ist diese Konsumform sehr gefragt, da es eine effektive Möglichkeit für den Pateinten darstellt, Cannabis ohne unerwünschte Nebenprodukte aufzunehmen. Dennoch gibt es bei dieser Konsumform einige Hinweise die man beachten sollte. Das und mehr finden sie in folgendem Guide.

Wie kann man Cannabis essen?

Zusammenfassung

Die in Cannabis enthaltenen Cannabinoide liegen natürlich in ihrer inaktiven sauren Form vor und müssen erst durch die sog. Decarboxylierung für den Körper nutzbar gemacht werden

Decarboxylierung ist ein natürlicher Vorgang der durch das Altern der Pflanze, Hitze und Licht entsteht

Verschiedene Verfahren sind hierbei möglich, wobei zumeist Alkohol oder ein Öl als Trägermittel verwendet wird

Hierbei werden die Bestandteile meistens auf Temperaturen zwischen 100°-120°C erhitzt

Anschließend werden die Endstoffe optimalerweise bei 5°C gelagert, um eine dauerhaft hohe Konzentration der Wirkstoffe zu gewährleisten

Was ist Decarboxylierung?

Isst man unbearbeitetes Marihuana, passiert in der Regel nichts, da die Cannabinoide in ihrer sauren und inaktiven Formen vorliegen (Bsp: THCA und CBDA). Diese Verbindungen sind inaktiv und für den Körper nicht verwertbar. Gelöst in Fett und weiterverarbeitet hingegen haben essbare Cannabisprodukte sogar eine längere Wirkdauer als inhalierte Produkte.

 Der Effekt setzt bei der oralen Aufnahme aber erst zeitverzögert ein. Wichtig hierbei ist, dass die Wirkstoffe zuerst umgewandelt werden müssen, damit diese mit dem körpereigenen Cannabinoidrezeptoren interagieren können. Diesen Vorgang bezeichnet man als „Decarboxylierung“ und ist ein natürlicher Vorgang der bei zunehmendem Alter der Pflanze passiert. Dieser kann zusätzlich durch Licht oder Hitze beschleunigt werden. Dies macht man sich bei dem weiter unten aufgeführten Verfahren zu Nutze.[1] 

Methoden der Decaboxylierung

Damit die Wirkung nicht verloren geht, werden die Stoffe meistens an Öle gebunden. Mit Hilfe der Alkohol- und Fettlöslichkeit können nun Cannabinoide aus dem Pflanzenmaterial extrahiert werden. Dafür bietet Olivenöl die Grundlage für die meisten medizinischen Cannabisprodukte, wie CBD-Öle. Auch Kokosöl oder Butter kann unter anderem bei Gebäcken oder Ähnlichem verwendet werden. Für die industrielle bzw. pharmazeutische Decarboxylierung hat sich die sog. „microwave extraction“ als die effizienteste und qualitativste Methode erwiesen. Hierbei wird gehäckseltes Cannabis mit Alkohol versetzt und unter ständigem Rühren in einer Mikrowelle auf 120-170°C für 20-45 Minuten erhitzt. Anschließend wird dies gefiltert bis eine Art Cannabisharz entsteht.[2]  Ähnliches gilt auch für die Extraktion mit Hilfe von verschiedenen Ölen. Hier wird das Cannabis im Ofen bei 115°C für 40 Minuten vorgebacken, um eine erhöhte Decarboxylierung zu erzielen. Anschließend wird es bei 100°C für 40 Minuten im Olivenöl erhitzt, um eine optimale Bindung an das Öl zu erzielen. Nach Filterung kann das Öl verwendet werden.[3] Wie man sehen kann ist die Extraktion der Cannabinoide äußerst aufwendig, wenn man gleichbleibend qualitative Ergebnisse erzielen möchte. Weshalb eigens hergestellte CBD-Öle oder Ähnliches nie eine dauerhaft gleichbleibende Wirkung garantieren können. Wir empfehlen daher immer von einem offiziellen Anbieter zu beziehen und auf ein Labor-gestütztes Verfahren zu achten.

Lagerung

Anschließend sollte das Öl bei einer Temperatur um die 5°C gelagert werden, um eine gleichbleibend hohe Konzentration der gelösten Wirkstoffe zu garantieren.[4]

Cannabis essen erst nach dem Backen

 

 

 

Decarboxylierung

 

 

 

Welche Auswirkungen hat gegessenes Cannabis?

Zusammenfassung

Gegessenes Cannabis hat auf Grund der Magensäure und des First-Pass-Effekts eine niedrigere Bioverfügbarkeit als inhalierte Varianten (ca. 5-20%)

Der First-Pass-Effekt beschreibt die primäre Verstoffwechselung in der Leber bevor die aktiven Metaboliten im Körper eine Wirkung auslösen können

Auf Grund der längeren Darmpassage und des First-Pass-Effekts kommt es zudem zu einem verzögerten Wirkbeginn (ca. 30 Minuten bis 3 Stunden)

Gewisse Faktoren wie Mageninhalt oder Stoffwechselrate der einzelnen Person spielen für den Wirkbeginn ebenfalls eine Rolle

Spitzenkonzentrationen sind meist nach 1-2 Stunden manchmal auch erst in 8 Stunden erreicht

Durch Umgehung sämtlicher durch Verbrennungsreaktionen entstehenden Schadstoffe von Cannabis, zeichnen sich „Edibles“ als besonders Schadstoffarm aus

Wie nimmt der Körper gegessenes Cannabis auf?

Einerseits entstehen bei der Verarbeitung von Cannabis zu essbaren Produkten keine schädlichen Nebenprodukte.[5] Somit werden die negativen Auswirkungen umgangen, die sonst durch das Rauchen von Cannabis entstehen würden. Andererseits gelangen die Wirkstoffe nicht mehr über die Lunge, sondern über die Darmschleimhaut ins Blut. Im Vergleich zur Inhalation hat oral konsumiertes Cannabis deswegen eine geringere Bioverfügbarkeit (5-20%). Der Grund dafür ist der chemische Abbau in der Magensäure und der sog. First-Pass-Effekt. Dieser Effekt beschreibt schlichtweg den durch die Leber verursachten primären Abbau der Cannabinoide.[6] Erst nach dem die Cannabinoide durch die Leber befördert wurden, können sie aktiv im Körper wirken. Genaueres über die Verstoffwechselung von Cannabis finden Sie hier.

Wirkdauer

Außerdem kommt es nach Einnahme von Cannabis auf Grund der langen Darmpassage zu einem verzögerten Einsetzen der psychoaktiven Wirkungen, die zwischen 30 Minuten und 3 Stunden dauern können. Prinzipiell ist der Beginn der Wirkung von Person zu Person unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab. So kann einerseits der Mageninhalt oder anderseits auch die Stoffwechselgeschwindigkeit der einzelnen Person den Wirkbeginn verzögern oder verfrühen. Die Spitzenkonzentration tritt typischerweise innerhalb von 1 bis 2 Stunden ein, kann aber bis zu 8 Stunden nach oraler Einnahme dauern.[6] Ein leerer Magendarmtrakt verarbeitet zum Beispiel die Nahrung schneller als ein gesättigter.

Vorteile und Nachteile 

Trotz dieser Fakten beschreiben viele Konsumenten, die Wirkung von essbaren Cannabisprodukten als potenter als herkömmliche Administrationswege. Dies erklären wir uns auf Grund der höheren Mengen des beigemengten THC-haltigen Cannabis. Die Dosierung stellt sich hierbei als schwieriger heraus und so kann leicht eine Fehldosierung auftreten, die anschließend von den Konsumenten als besonders Potent wahrgenommen wird. Vorteilhaft ist jedoch das durch die orale Aufnahme sämtliche negativen Eigenschaften des Rauchens umgangen werden, d. h. keine giftigen Rückstände wie Karzinogene, also krebserregende Stoffe, kein schädliches Kohlenstoffmonoxid und keine Ablagerungen von Teer in der Lunge.[5] Weitere mögliche Schadstoffe, die durch das Rauchen von Cannabis entstehen finden Sie hier. Da kann nicht einmal ein Vaporizer mithalten.

 

 

Graphische Darstellung 

des First-Pass-Effekts 

 

 

 

Risiken von essbaren Cannabisprodukten

Zusammenfassung

THC-haltige „Edibles“ weißen auf Grund ihrer Trägermittel (meist Süßigkeiten), ein erhöhtes Risiko für akzidentelle Intoxikationen auf

Dies betrifft unter anderem auch Kinder, weshalb besonders auf die Lagerung geachtet werden muss!

Risiken entstehen unter anderem durch die schwierige Dosierung von essbaren Cannabisprodukten

Ursächlich hierfür sind einerseits schwierige Zubereitung und andererseits die von Person zu Person differenten Stoffwechselvorgänge 

Symptome einer Überdosierung unterscheiden sich zum Teil zwischen Kindern und Erwachsenen 

Bei Kindern treten häufig Symptome wie verändertes Verhalten, Ataxie (gestörte Muskelbewegung), verwaschende Sprache, Lethargie (Schläfrigkeit) auf

Selten können auch Enzephalopathie, Koma oder auch Krampfanfälle auftreten

Beim Erwachsenen können eben genannte Symptome ebenfalls, meist in abgemildeter Form, auftreten

Zusätzlich ist bei Erwachsenen ein erhöhter Blutdruck, wie eine erhöhte Herzfrequenz und Atemfrequenz wahrscheinlicher

Auch das Risiko einer Psychose und die Verschlechterung schon vorbestehender Lungen- oder Herzprobleme können eintreten (Bsp.: Herzinfarkt bei bekannter Herzproblematik)

Bei CBD ist das Risiko eine Überdosierung geringer, jedoch kann bei einer Menge von 400mg CBD ein dissoziativer Zustand mögich sein

Desweitern fördern kleine Mengen CBD in Kombination mit THC eine Intoxikation, große Mengen CBD hingegen mildern diese

Risiko für eine Überdosis?

Wie oben schon erwähnt ist das prominenteste Risiko bei essbaren THC-Cannabisprodukten das einer Überdosierung. Diese Überdosierung von Cannabis tritt bei essbaren Artikel sogar im Vergleich zu anderen Administrationswegen am häufigste auf. Sehr wahrscheinlich ist der Grund dafür eine häufigere Verwechslung mit anderen THC-freien Artikeln und eine dadurch verursachte akzidentelle Einnahme.[9] Durch die unterschiedlichen Decarboxylierungsarten und die von Person zu Person unterschiedlichen Stoffwechselraten können  „Edibles“ auch noch sehr unterschiedliche Auswirkungen auf  Konsumenten aufweisen. Es ist deshalb noch einmal wahrscheinlicher durch „Edibles“ eine Überdosierung zu generieren.[5] Auch akzidentelle Einnahmen von großen Mengen bei Kindern sind bei essbaren Cannabisprodukten weitaus wahrscheinlicher, da gerade häufig Süßigkeiten als Trägermittel verwendet werden.[7] Das Risiko besteht sowohl bei eigens hergestellten als auch bei manchen industriell hergestellten Produkten. Primär muss bei einer Überdosierung zwischen einem Kind und einem Erwachsenen unterschieden werden. Auf Grund der Körpergröße haben Kinder bei einer versehentliche Aufnahme von Cannabis eine weitaus verheerende Auswirkung des Cannabis zu erwarten.

Symptome und Folgen einer Überdosierung

Bei Kindern treten häufig Symptome wie verändertes Verhalten, Ataxie (gestörte Muskelbewegung), verwaschene Sprache, Lethargie (Schläfrigkeit) auf.[9] Dies kann je nach Grad der Intoxikation bis hin zu Enzephalopathie oder Koma und selten auch zu Krampfanfällen reichen.[6][7]  Diese Daten sollten Aussagekräftig genug sein, das sie unter keinen Umständen Cannabisprodukte in nähe von Kindern aufbewahren sollten, insbesondere essbare Artikel! Bei Erwachsenen sind so starke Überdosierung auf Grund der Körpergröße sehr unwahrscheinlich nicht desto trotz können auch hier Formen der oben genannten Symptome in abgemilderter Form auftreten. Ebenfalls können Symptome wie erhöhter Blutdruck und erhöhte Herzfrequenz, Tachypnoe (schnelle Atmung) auftreten. Diese treten zwar bei Kindern unter anderem auch auf sind jedoch bei Erwachsenen, in stark ausgeprägter Form, wahrscheinlicher.[7] Zusätzlich steigt die Gefahr eine Psychose durch eine Intoxikation an. Ein häufigeres Symptom ist zu dem das sog. Cannabishyperemesis-Syndrom was ein starkes Erbrechen nach Exposition mit Cannabis beschreibt. Häufiger tritt dieses bei chronischem Cannabiskonsum auf, kann jedoch bei Überdosis ebenfalls auftreten. Des Weiteren sind Exzerbationen schon bestehender Krankheiten, wie obstruktiven Lungenerkrankungen oder auch Herzkreislauferkrankungen, möglich. Folge dieser wären Atemnot im Falle der obstruktiven Lungenerkrankungen und ein Herzinfarkt oder Ähnliches bei einer vorbestehenden Herzkreislaufproblematik.[7] Zwar treten diese schweren Komplikationen seltener auf sind aber dennoch nicht zu unterschätzen. Mehr zu den Herzkreislauffolgen gibt es hier und mehr zu den Lungenauswirkungen hier.

Identisches Risiko bei CBD?

Da wir nun die folgen eine THC-Überdosierung weitestgehend abgedeckt haben, wie sieht es bei CBD aus? Nun die Symptome einer CBD-Überdosierung sind weitaus milder und auch noch unwahrscheinlicher, eine klinische Studie fand jedoch bei einer verdampften Menge von 400 mg CBD heraus, dass manche Patienten einen dissoziativen Zustand einnahmen, der länger anhielt. Ebenso verstärkte CBD in kleinen Mengen die toxische Wirkung von THC. Das Gegenteil passierte bei der Beimischung großer Mengen CBD, dies führte zu einer Milderung der Symptome.[8] Jedoch sind diese Daten über CBD auf Grund der dünnen Datenlage noch nicht hundertprozentig.

 

Für Kinder ist eine Cannabisüberdosierung besonders gefährlich!

 

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Literaturverzeichnis
Referenzen 1-5

Hädener, M., Vieten, S., Weinmann, W. & Mahler, H. A preliminary investigation of lung availability of cannabinoids by smoking marijuana or dabbing BHO and decarboxylation rate of THC- and CBD-acids. Forensic science international 295, 207-212, doi:10.1016/j.forsciint.2018.12.021 (2019).^

2 Lewis-Bakker, M. M., Yang, Y., Vyawahare, R. & Kotra, L. P. Extractions of Medical Cannabis Cultivars and the Role of Decarboxylation in Optimal Receptor Responses. Cannabis Cannabinoid Res 4, 183-194, doi:10.1089/can.2018.0067 (2019).^

Casiraghi, A. et al. Extraction Method and Analysis of Cannabinoids in Cannabis Olive Oil Preparations. Planta Med 84, 242-249, doi:10.1055/s-0043-123074 (2018).^

4 Citti, C., Pacchetti, B., Vandelli, M. A., Forni, F. & Cannazza, G. Analysis of cannabinoids in commercial hemp seed oil and decarboxylation kinetics studies of cannabidiolic acid (CBDA). Journal of pharmaceutical and biomedical analysis 149, 532-540, doi:10.1016/j.jpba.2017.11.044 (2018).^

5 Russell, C., Rueda, S., Room, R., Tyndall, M. & Fischer, B. Routes of administration for cannabis use – basic prevalence and related health outcomes: A scoping review and synthesis. The International journal on drug policy 52, 87-96, doi:10.1016/j.drugpo.2017.11.008 (2018).^

Referenzen 6-11

6 Wong, K. U. & Baum, C. R. Acute Cannabis Toxicity. Pediatric emergency care 35, 799-804, doi:10.1097/pec.0000000000001970 (2019).^

7 Vo, K. T. et al. Cannabis Intoxication Case Series: The Dangers of Edibles Containing Tetrahydrocannabinol. Annals of emergency medicine 71, 306-313, doi:10.1016/j.annemergmed.2017.09.008 (2018).^

8 Solowij, N. et al. A randomised controlled trial of vaporised Δ(9)-tetrahydrocannabinol and cannabidiol alone and in combination in frequent and infrequent cannabis users: acute intoxication effects. European archives of psychiatry and clinical neuroscience 269, 17-35, doi:10.1007/s00406-019-00978-2 (2019).^

9 Noble, M. J., Hedberg, K. & Hendrickson, R. G. Acute cannabis toxicity. Clinical toxicology (Philadelphia, Pa.) 57, 735-742, doi:10.1080/15563650.2018.1548708 (2019).^