Cannabis und Herzinfarkt?

Die Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem

von Simon Schmucker, Medizinstudent der Medizinischen Universität Wien, 28.04.2020

Herzkreislauferkrankungen sind in Europa weit verbreitet. Ebenso bei Patienten mit chronischen Schmerzleiden oder anderen Symptomen bei denen Cannabis potentiell helfen könnte. Nun stellt sich die Frage, wie sich Cannabis auf das Herz-Kreislaufsystem auswirkt und ob eine es eine sinnvolle Ergänzung oder gar ein Risiko darstellt. Antworten auf diese Fragen und weitere wichtige Informationen finden Sie in diesem Artikel.

Wie wirkt Cannabis auf das Herz-Kreislaufsystem?

Zusammenfassung

Cannabis wirkt über CB1-Rezeptoren im Gehirn und im Gefäßsystem auf das Herz-Kreislaufsystem

Es kommt neben der Wirkung auf das Herz-Kreislaufsystem auch zu pro-inflammatorischen, pro-oxidativen und pro-fibrotischen Effekten

Auch eine Erhöhung des Sauerstoffbedarfs mit Erniedrigung des Sauerstoffangebots wird induziert

Bei Dauerkonsum scheint sich eine Unterfunktion des anterioren cingulären Cortex zu entwickeln, die spätere Langzeiteffekte erklären könnte

Der menschliche Körper besitzt viele Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn.[3] Diese regulieren die Funktion des Herzens und können dadurch indirekt durch Cannabis beeinflusst werden. Außerdem besitzt das kardiovaskuläre System selbst einige CB1- und CB2-Rezeptoren, unter anderem in der Aorta, die zusätzlich eine Rolle spielen könnten. Jedoch sind diese Mechanismen nicht genau genug erforscht, um präzise Angaben zu tätigen.

Physiologische Wirkweise

Da vor allem THC eine psychoaktive Eigenschaft besitzt, ist dieses Cannabinoid auch eines der potentesten Aktivatoren der Herz-Kreislauf-Wirkung von Cannabis. Genauer erhöht THC über Interaktion mit dem CB1-Rezeptor den Blutfluss im anterioren cingulären Kortex[6], einem funktionellen Teil des Gehirns, welcher auch für die Regulation von Herz und Kreislauf zuständig ist.[4][5] Weitere CB1-Rezeptor vermittelte kardiovaskuläre Wirkungen sind entzündungsfördernde, pro-oxidative („oxidativer Stress“) und pro-fibrotische („Vermehrung von Bindegewebe“) Effekte, diese sind jedoch stark dosierungsabhängig, da Cannabis kein reiner Agonist (=Aktivator) dessen ist. Des Weiteren wird durch diesen Rezeptor ein erhöhter Sauerstoffbedarf des Herzens (vermehrte Arbeit des Herzens), eine Erniedrigung des Sauerstoffangebots (verursacht durch eine Engstellung der Gefäße) und eine Senkung der Kontraktilität des Herzens induziert.[14][20] Hier muss betont werden, dass diese Effekte bei einer reinen Aktivierung des CB1-Rezeptors am stärksten auftreten. Da jedoch Cannabis mit seiner Vielzahl an Cannabinoiden nicht nur auf den CB1-Rezeptor wirkt, fallen diese Wirkungen nicht so stark aus.

Außerdem werden Wirkungen auf das adrenerge („Adrenalin-System“) und cholinerge („Acetylcholin-System“) System diskutiert, da  bei Gabe von Atropin (cholinerg) oder Beta-Blockern (adrenerg) keine Veränderungen der Herzfrequenz ersichtlich waren.[1]-[3] Bei Dauerkonsum scheint der anteriore cinguläre Kortex des Gehirns eine Unterfunktion auszubilden, welche in einen Gewebsschwund übergehen kann, was die später beschriebenen Langzeitfolgen erklären könnte.[7][8]

Kardiovaskuläre Cannabiseffekte  

Zusammenfassung

Kurz nach Einnahme tritt, auch bei regelmässigem Konsum, eine spürbare Steigerung der Herzfrequenz um 20-100 %  über Ausgangswert ein

Langfristig stellt sich jedoch eine Senkung der Grundfrequenz ein

Der Blutdruck steigt bei Einfachkonsumenten messbar an, bei Dauerkonsum sinkt der Blutdruck jedoch

Schnelles Absetzen  nach Dauermedikation kann zu einer Erhöhung des Blutdrucks führen

Auwirkungen auf die Herzfrequenz

Einer der spürbarsten Effekte tritt ca. 10 Minuten nach der ersten Aufnahme von THC auf. Daraufhin folgt eine Steigerung der Herzfrequenz um ca. 20-100 % gegenüber dem Ausgangswert (im Stehen etwas niedriger) und hält in etwa für 2-3 Stunden an.[9]-[11] Diese Erhöhung der Herzfrequenz kommt auch bei regelmäßigem Konsum vor und wird aber allem Anschein nach nicht allein durch die psychotropen Effekte des THCs hervorgerufen, sondern auch unabhängig davon.[12] Langfristig senkt Cannabis die eigene dauerhafte Grundfrequenz unter den vorherigen Ausgangswert ab. Als Erklärung dafür wird eine Inhibition des sympathischen Nervensystems vermutet.[13]

Auswirkungen auf den Blutdruck

Des Weiteren sind Auswirkungen auf den Blutdruck messbar. Hierbei wird zwischen einem Dauerkonsumenten und einem Einfachkonsumenten unterschieden. Während bei einmaliger Einnahme der systolische (Druck der durch Anspannung des Herzens im Kreislauf entsteht) und der diastolische (Druck der Dauerhaft im Gefäßsystem vorherrscht) Blutdruck ansteigt.[11][14]  Kommt es bei regelmäßigem Konsum zu keiner Veränderung oder sogar zu einer Senkung des diastolischen Blutdruckwerts.[15][16] Ursächlich dafür sind anscheinend die Langzeiteffekte auf das Gehirn, die sowohl eine Verringerung der Frequenz, wie auch des diastolischen Blutdrucks induziert.

Es wurden auch kurzfristige Abfälle des Blutdrucks nach Anwendung von Cannabis beobachtet. Die sog. orthostatische Dysregulation, die durch eine flüchtige verminderte zerebralen Blutversorgung verursacht werden kann, kann kurzfristig für ein Gefühl des Schwindels, der Benommenheit oder einem „Schwarz vor Augen“ ursächlich sein. Diese Effekte treten jedoch nach Toleranzentwicklung nicht mehr auf.[1][2][13][21]

Durch akutes Aussetzen der Dauermedikation mit Cannabis kann es ebenfalls zu einem refraktären Anstieg des Blutdrucks kommen.[17]

Folgen für das Herz-Kreislaufsystem?

Zusammenfassung

Folgen auf das Herz-Kreislaufsystem können von Herzinfarkten über ischämischen Schlaganfällen bis hin zu Kardiomyopathien oder Arrhythmien reichen

Jedoch sind diese Krankheitsbilder selten und die Datenlage über den Zusammenhang zwischen Cannabis und ihnen ist nicht besonders aussagekräftig

Personen mit Herzkreislauferkrankungen sollten dennoch vorsichtig sein, da es bei ihnen Anzeichen für Verschlimmerung ihrer Symptome gibt

Eine Legalisierung oder Entkriminalisierung scheint nicht zu einem Anstieg von kardiovaskulären Erkrankungen zu führen

Potentielles Risiko für Krankheiten?

Es gibt verschiedene Auswirkungen auf das kardiovaskuläre System, die durch die oben genannten Mechanismen erklärt werden können. So lassen sich das Auftreten von Herzinfarkten, ischämische Schlaganfällen oder auch Kardiomyopathien durch den erhöhten Sauerstoffverbrauch mit gleichzeitig erniedrigtem Sauerstoffangebot, erhöhter Thromboseneigung, Verringerung der Kontraktilität,   wie auch durch vereinzelte Spasmen der Gefäße, erklären. Auch Arrhythmien können als Folge möglich sein.[14]

Jedoch muss eindeutig darauf hingewiesen werden, dass diese schweren Krankheitsbilder erstens eher selten vorkommen und zweites die Datenlage über sie nicht besonders aussagekräftig ist. So zeigt eine systematische Review mit höherer Qualität, dass auf Grund der dürftigen Datenlage zurzeit keine Aussagen über potentielle kardiovaskuläre Risikofaktoren und Folgen getroffen werden.[19]

Trotz dessen sollten Personen mit Vorgeschichte einer koronarer Herzkrankheit oder ähnlichen Herzkreislauferkrankungen auf Grund der schon bestehenden Daten vorsichtig mit dem Konsum von THC-haltigem Cannabis sein, da es bei dieser Personengruppe unter Cannabiseinfluss früher zu Symptomen der Brustenge bei moderater Anstrengung geführt hat.[18]

Zukünftige Entwicklung

Aktuell wird davon ausgegangen das trotz Legalisierung und Entkriminalisierung von Cannabis und potentiellem Anstieg der Marihuana konsumierenden Bevölkerungsgruppe, es höchstwahrscheinlich nicht zu einem entsprechenden dramatischen Anstieg der kardiovaskulären Erkrankungen unter den Marihuanakonsumenten kommen wird.[18]

Herzinfarkt

(anteroseptal)

 

Literaturverzeichnis
Grafiken
Referenzen 1-5

1 Benowitz, N. L., Rosenberg, J., Rogers, W., Bachman, J. & Jones, R. T. Cardiovascular effects of intravenous delta-9-tetrahydrocannabinol: autonomic nervous mechanisms. Clin Pharmacol Ther 25, 440-446, doi:10.1002/cpt1979254440 (1979).^

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3 Kanakis, C., Pouget, M. & Rosen, K. M. Lack of cardiovascular effects of delta-9-tetrahydrocannabinol in chemically denervated men. Ann Intern Med 91, 571-574, doi:10.7326/0003-4819-91-4-571 (1979).^

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